Waren elektronische Navigationssysteme in der Sportschifffahrt vor einigen Jahren noch verhältnismäßig kostspielige Anschaffungen, bietet der Markt heutzutage die günstigsten Einsteigermodelle bereits knapp unter der 300 Euro Marke. Apps für mobile Endgeräte gibt es sogar noch günstiger. Ob Segen oder Fluch ist eine Frage an der sich die Geister scheiden. Sicher ist jedoch: Ohne gute Seemannschaft geht nichts.

Wenn ein Motorboot mit 22 Knoten frontal mit einem Leuchtturm kollidiert, dann bringt das selbst die hartgesottensten Mitarbeiter in der Pantaenius Schadenabteilung für einen Moment ins Stutzen. Nicht zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte, denn der Skipper hatte den besagten Leuchtturm eigenhändig, wenn natürlich auch unwissentlich, als Wegepunkt in seinen Kartenplotter eingegeben und dem Autopiloten den Rest der Fahrt überlassen.

Ähnliches erlebte Dirk Hilcken, Vertriebskoordinator bei Pantaenius, im letzten Sommer in der Türkei. „Man kennt das ja, schnell von einer Bucht in die nächste mit dem Charterboot.  Ein kurzer Blick auf den Kartenplotter am Steuerstand und los geht es. Zum Glück blieb ich am Ruder und konnte gerade eben noch den Felsenkopf knapp an der Wasseroberfläche erahnen und den Rückwärtsgang einlegen.“ Derselbe Grund, der beim letzten Volvo Ocean Race zum tragischen Ausscheiden des TEAM VESTAS führte, hätte auch hier fast zu einer schweren Havarie geführt. Die Zoomstufe des Kartenplotters war falsch eingestellt und nicht alle Details wurden eingeblendet. TEAM VESTAS hat dabei eine Volvo 65 Yacht im Wert von vier Millionen Euro nahezu zerstört.
 „Wir hatten Glück und sind mit einem großen Schrecken aber heil davon gekommen.“, so Hilcken noch immer beeindruckt von dem Vorfall. „Ich bin immer schon ein Freund von Seekarten auf dem Kartentisch gewesen - schließlich habe ich gute Seemannschaft so gelernt - und hätte ich wie bei jedem meiner Ostseetörns meinen Törn vorab auf der Karte festgelegt, wären wir nicht diesen Kurs gefahren“

Auf die Details kommt es an
Es liegt auf der Hand: Papierseekarten gehören immer noch zur Pflichtausrüstung. Dementsprechend sollte man auch wissen, wie ohne Bordelektronik navigiert wird, falls sie ausfällt. Gerade bei widrigen Bedingungen ist das unhandliche Format vielen Skippern jedoch ein Graus.

Mit dem Einzug der Tablets und Smartphones in den Alltag hat sich im Bereich der elektronischen Navigation viel getan. Neben den klassischen Plottern, versprechen Apps für mobile Endgeräte benutzerfreundliche Navigation. Wer dem Computer die Arbeit überlässt, der sollte jedoch einiges beachten. Elektronische Seekarten basieren im Grunde auf großräumigen Seekarten der Berufsschifffahrt und sind dementsprechend zum Navigieren auf engem Raum nicht unbedingt ideal geeignet. Hinzu kommt, dass immer eine gewisse Ungenauigkeit bei der Positionsbestimmung des GPS-Systems einkalkuliert werden muss. Das können auch heute noch bis zu 200 Meter Unterschied sein. Grund hierfür kann unter anderem eine unzureichende Leistung des GPS-Moduls oder eine schlechte Satellitenkonfiguration  im Endgerät sein. Tablets ohne 3G Modul etwa, nutzen in der Regel eine Datenbank aus WLAN-Hotspots, um die jeweilige Position zu bestimmen. Professionelle Plotter haben weitaus leistungsfähigere GPS-Module und sind daher im aktiven Einsatz auch in schwer zugänglichen Regionen, die zum Beispiel durch Gebirge abgeschirmt sind, weitaus genauer.

Je nach Bildschirmkonfiguration ergeben sich bei der Nutzung von elektronischen Seekarten zudem häufig Darstellungsprobleme. Untiefen etwa, sind in niedrigeren Zoomstufen oft noch nicht erkenntlich. Wer sich unter diesen Umständen in den schwedischen Schären ausschließlich auf seinen Plotter verlässt, der sitzt mitunter schneller auf einem Stein, als er es für möglich halten könnte. Trotzdem ist moderne Navigationselektronik gerade im großflächigen Raum und bei langen Strecken hilfreich und sinnvoll – wenn sie denn richtig angewendet wird.

Bei aller Technik-Affinität sollten jedoch insbesondere die natürlichen Grenzen von Alltagselektronik wie etwa Tabletts beachtet werden. Nur die wenigstens Modelle, wenn denn überhaupt, halten den außergewöhnlichen und fordernden Bedingungen an Bord auf Dauer statt. Seewasser und  Sonneneinstrahlung zeigen der Leistungsfähigkeit und Bedienbarkeit dieser Helfer schnell ihre Limits auf. Unser Tipp: Zur entspannten Törn-Planung auf dem heimischen Sofa oder in der Kabine eignen sich Tablets hervorragend. An Deck sollte auf einen professionellen Plotter zurückgegriffen werden oder das mobile Endgerät mit einer entsprechenden Schutzhülle versehen werden. Hochglanzbildschirme, wie sie auf vielen modernen Geräten zu finden sind, lassen sich mit Entspiegelungsfolien für den
Einsatz bei starker Sonneneinstrahlung rüsten.

Die Entscheidung, ob ein Eigner für sein Sportboot tatsächlich ein Radargerät benötigt, hängt überwiegend von dem bevorzugten Fahrtgebiet ab. In stark befahrenen Gebieten, in denen außerdem häufig Nebel die Sicht behindert, wie zum Beispiel dem Englischen Kanal oder der Straße von Gibraltar, ist ein Radar an Bord sicher angebracht. Es erfordert allerdings einige Übung, um mit der ungewohnten Darstellung gut zurechtzukommen. Die Visualisierung des Seeverkehrs über das Automatische Identifizierungssystem (AIS) ist da deutlich besser. Allerdings sind diese Systeme in der Freizeitschifffahrt noch relativ selten.

Sicher ist sicher
Damit Sie auch für den Fall eines Stromausfalles, Kurzschlusses oder sonstigen Schwierigkeiten mit der Elektronik an Bord nicht in Bedrängnis geraten, gehört das klassische Navigationsbesteck zur unbedingten Standardausrüstung auf jeder Yacht. Sollten Sie das Gefühl haben, dass ihre „analogen“ Navigationskenntnisse im digitalen Alltag etwas verblasst sind, empfiehlt sich ein Auffrischungskurs, der bei fast allen Wassersportschulen angeboten wird. „Ich habe immer die aktuelle Karte auf dem Navitisch“ erklärt Hilcken, „und bin es gewohnt bei jedem ‚unter Deck‘ gehen - oder mindestens alle halbe Stunde - kurz eine grobe Kreuzpeiliung vorzunehmen und diese in der Papierkarte einzutragen. Das habe ich so gelernt und das hat sich gerade bei eingeschränkten Sichtverhältnissen stets als hilfreich erwiesen“