Obwohl ich schon auf fast allen Revieren der Welt gefahren bin, halte ich die Nordsee für eines der allerhärtesten. 1996 habe ich hier während der 510 Seemeilen langen Hochseeregatta „Rund Skagen“ eines der intensivsten Sturmerlebnisse erfahren, an das ich mich erinnern kann.

Martin Baum

Es muss drei oder vier Uhr morgens gewesen sein, als ich aus meiner Koje geschleudert wurde. Aus den Lüftungsschächten tropfte Wasser und eine nasse Kälte breitete sich schlagartig unter Deck aus. Unser Schiff, eine 1973 erbaute SWAN 48, knallte unaufhörlich in die kurzen hohen Wellen, die, wie ich später erfuhr, über drei Meter Höhe erreichten. Mit jedem Schlag, der unsere  „ELAN“ traf, bebte die Takelage noch minutenlang nach: wir hatten Starkwind aus West nach Nordwest drehend mit Sturmböen um die neun bis zehn Beaufort.

Ich werde nie den Anblick der kochenden See vergessen, als ich an Deck rannte. Wir hatten das Großsegel schon dreimal gerefft und nun sollte noch von der Genua III auf die Genua IV gewechselt werden. Ein Manöver welches äußerst unangenehm ist, da wir nur noch zu viert waren. Alle anderen Crew-Mitglieder waren seekrank durch die harte und kurze See. Die Information, dass eine Swan 51, die ca. 30 Minuten vor uns auf Höhe Horns Rev durch einen Seeschlag aufgeben musste, machte das bevorstehende Manöver nicht gerade leichter.

Mein Vater, Harald Baum, war gerade noch in der Lage, das Steuer zu bedienen, ein weiterer Mann musste ins Cockpit, so dass lediglich mein Bruder und ich das schwere Tuch der Genua III bergen mussten. Diese Aufgabe brachte mich an den Rand meiner Kräfte und zeigte mir, wie schwach man doch gegenüber den Naturkräften ist. Unter Aufbringung aller körperlichen Reserven zerrten wir bis zur völligen Entkräftung an dem Segel, während die Wellen unerbittlich versuchten uns vom Vorschiff wegzuspülen. Wassermassen peitschten uns ins Gesicht und warfen uns immer wieder von den Beinen. Als das Segel endlich unten und nicht weniger mühselig verstaut war, musste ich mich vor Erschöpfung übergeben. Gott sei Dank spülte die nächste Welle gleich wieder das Deck J. Zu guter Letzt haben wir dann die Genua IV gesetzt und uns sehr gefreut, fertig zu sein. Als Belohnung haben wir diese Regatta dann aber auch gewonnen und wir freuten uns, von den 48 gestarteten Yachten, eine der sieben zu sein, welche die Ziellinie passiert haben.

Martin Baum