Eine neue Qualität des Versicherungsbetrugs

Kavaliersdelikt oder Straftat? Für so manchen Yachteigner scheint es beim Versicherungsbetrug fließende Übergänge zu geben. Dabei sind es vor allem die groß angelegten, professionellen Betrugsversuche, bei denen die Versicherungen keinen Spaß verstehen. Ein Thema, das insbesondere in Krisenzeiten an Brisanz gewinnt.

„Das ist schon teilweise harter Tobak, was uns für Märchengeschichten aufgetischt werden.“ Holger Flindt, Leiter der Schadenabteilung von Pantaenius, hat während seiner jahrelangen Arbeit als Schadenexperte und Sachverständiger schon Einiges erlebt. Aber ein Fall, wie er ihn Mitte 2008 auf den Schreibtisch bekam, war selbst für Flindt neu:

Anfang Juni wurde eine Motoryacht, die bei Pantaenius mit 180.000 Euro versichert war, in Rostock als gestohlen gemeldet. Nachfragen in der Marina, die eventuell Aufschluss über den Tathergang und die Diebe hätten geben können, liefen ins Leere. Dort hatte man die Yacht noch nie gesehen. Merkwürdig! Grund genug, weiter nachzuforschen. Zumindest gab es Belege für eine CE-Abnahme, also eine gültige Betriebserlaubnis, sowie einen Eintrag im Schiffsregister beim Amtsgericht. Umso erstaunter waren die Pantaenius-Schadenexperten, als sie herausfanden, dass es sich bei der angegebenen Bauwerft in England um eine Briefkastenfirma handelte. „Die Yacht gab es gar nicht. Sie wurde nie gebaut, verfügte aber über alle erforderlichen Papiere“, schüttelt Flindt ungläubig den Kopf.

Damit aber nicht genug: Zeitgleich hatte derselbe Eigner eine zweite, baugleiche Yacht, die bei einem anderen Versicherer gedeckt war, als gestohlen gemeldet. Außerdem waren beide Schiffe durch zwei verschiedene Gesellschaften finanziert worden. „Das ist vierfacher Betrugsversuch. Und wahrscheinlich wurden noch vier weitere imaginäre Yachten erfunden. Hinter so einem Organisationsaufwand steckt schon eine ganze Menge krimineller Energie. Das ist eine neue Qualität des Versicherungsbetrugs“, so der Schadenexperte.

Flindt geht davon aus, dass etwa zehn Prozent des gemeldeten Schadenvolumens nicht berechtigt sind. „Traurig aber wahr: Bei jedem zehnten Totalverlust ist der Eigner in irgendeiner Weise in den Fall verstrickt.“ Und dieser Trend werde wegen der schwierigen Wirtschaftsentwicklung leider noch zunehmen, so seine Überzeugung. Durch die schlechte Lage auf dem Gebrauchtbootmarkt scheint es verlockend, lieber die Versicherungssumme einzustreichen, als sein Boot unter Marktwert zu verkaufen.

Dabei wird die Tat in der Regel nicht von langer Hand geplant, sondern kurz entschlossen eine passende Gelegenheit genutzt. „Es passiert eine Havarie, das Schiff schlägt Leck. Da nutzt der Eigner die Gunst der Stunde und lässt sein Eigentum ohne große Rettungsversuche sinken, um sich der Sache zu entledigen. Warum er dabei aber fünf Stunden tatenlos zugesehn hat, das muss er uns erklären. Damit verletzt er nämlich seine Rettungsobliegenheiten“, versichert Flindt. 
        
„Wir sind allerdings sehr vorsichtig, generell hinter jeder unrealistischen Aussage einen Betrugsversuch zu sehen“. Wenn eine Yacht einen größeren Schaden erleidet, brennt oder gar sinkt, dann sieht der Eigner den Hergang manchmal anders, als er wirklich war – nicht mit Absicht, sondern einfach stressbedingt. Flindt: „Da solche Vorgänge für den Eigner oft mit großen Emotionen verbunden sind, versuchen wir, ihn in allen Belangen zu unterstützen und zu beraten, beispielsweise hinsichtlich einer geeigneten Reparaturwerft. Davon profitiert nicht nur der Kunde, sondern auch Pantaenius, weil wir die Kosten im Blick haben und den Geschädigten schnell und ohne Komplikationen durch die Schadenabwicklung führen können.“

Die Schadenabteilung von Pantaenius sieht sich deshalb vielmehr als Servicedienstleister und nicht als reinen Ermittler der Schadenhöhe. „Das gilt natürlich nur für unsere ehrlichen Kunden. Bei versuchtem Betrug ist nicht gut Kirschen essen mit uns. Schon allein wegen unserer rechtschaffenen Kunden verstehen wir da keinen Spaß, denn die müssen das mit höheren Prämien ausbaden.“ Auf Grund der langjährigen und umfassenden Erfahrung beim Umgang mit Yachtschäden sowie des weltweiten Schadennetzwerkes kommt Pantaenius häufig Betrügern auf die Schliche, die bei einer anderen Versicherung eventuell unentdeckt geblieben wären. Wer also krumme Dinger drehen will, ist mit Pantaenius schlecht beraten. „Das sollte man sich wirklich gut überlegen. Versicherungsbetrug kann in schweren Fällen bis zu zehn Jahre Haft bedeuten. Das ist dann wirklich kein Kavaliersdelikt mehr“, warnt Flindt.